Volksmärchen

Märchenprinzessin und Co

Prinzessinnen

Die Prinzessin ist die Märchenfigur schlechthin. Als der Erzählerforscher Lutz Röhrich (1922-2006, Mitherausgeber der Enzyklopädie des Märchens) die Aktion „Kinder malen Märchen“ (1976) startete, war die Prinzessin auf den mehr als 12.000 eingesandten Bildern die mit Abstand am meisten vertretene Figur. Bei verschiedenen Studien, in denen nach Lieblings-märchen gefragt wurde, lagen "Aschenputtel", "Schneewittchen" und "Dornröschen" (Grimm) deutlich vorne. Alle drei Titelheldinnen sind Prinzessinnen, wobei Schneewittchen und Dornröschen als Königstöchter geboren wurden, während Aschenputtel erst durch die Hochzeit mit einem Königssohn zur Prinzessin wird.

Interessant ist, dass in den Märchen der Brüder Grimm der Begriff Königstochter im Gegensatz zu Prinzessin der deutlich gängigere ist. Im Kunstmärchen Hans Christian Andersens hingegen dominiert die Prinzessin. Doch ganz gleich, ob sie im Kunst- oder Volksmärchen auftauchen, eines haben die Prinzessinnen gemeinsam: Sie sind wunderschön. Die jüngste Königstochter in „Der Froschkönig“ (Grimm) wird folgendermaßen beschrieben: „Die jüngste von ihnen war so schön, dass die Sonne selber, die doch so vieles schon gesehen hat, sich verwunderte, sooft sie ihr ins Gesicht schien.“ Die Schönheit der Prinzessinnen allerdings wird nie durch Beschreibungen konkretisiert. Sie mit bildhaften Vorstellungen zu füllen, bleibt den Lesern und Zuhörern überlassen.

Neben der Schönheit ist die Tugendhaftigkeit die Haupteigenschaft der Prinzessinnen. Es gibt in dieser Hinsicht nur wenige Ausnahmen. So wird die Prinzessin „Der Schweinehirt“ (Andersen) zum Beispiel zwar als schön, aber auch als stolz und überheblich beschrieben. Die Konsequenz ist klar: Sie ist eine der wenigen Märchenprinzessinnen, die kein Happy End bekommt. In gewisser Weise gleicht diese Prinzessin der Königstochter aus „König Drosselbart“ (Grimm). Mit einem Unterschied: Letztere entwickelt sich und schafft es, ihre Überheblichkeit abzulegen.

Andersen hat in einem berühmten Märchen noch eine weitere Eigenschaft der Prinzessinnen herausgestellt: „Die Prinzessin auf der Erbse“ zeigt in überspitzt-ironischer Weise ihre Feinfühligkeit. Eine echte Prinzessin kann eine Erbse durch zwanzig Matratzen hindurch spüren.

Prinzessinnenmärchen

  • Jacob und Wilhelm Grimm: "Dornröschen", "Schneewittchen","Aschenputtel", "Der Froschkönig", "Rapunzel", ... aus "Kinder- und Hausmärchen", Hörbuchfassungen bei Deutsche Grammophon

  • Hans Christian Andersen: "Die Prinzessin auf der Erbse", "Der Schweinehirt", "Die wilden Schwäne", aus "Sämtliche Märchen", Hörbuchfassungen bei Deutsche Grammophon...

  • Wilhelm Hauff: Kalif Storch aus "Sämtliche Märchen", Hörbuchfassungen bei Deutsche Grammophon...

  • Michael Ende: "Die Geschichte von der Schüssel und dem Löffel" aus "Die Zauberschule"

  • Paul Maar: "In einem tiefen, dunklen Wald" (Kinderbuch)

  • Christian Peitz: "Der Poesieminister", "Die Prinzessin und der Teekessel" und andere aus "Märchen aus Lugabugien", Hörspielfassungen bei TimpeTe


  • Königinnen und Kalifentöchter

    Königinnen treten bei Grimm häufig als Mütter in Erscheinung, die sich nach einem Kind sehnen, wie in "Schneewittchen" oder Dornröschen (Grimm). Die vielleicht ungewöhnlichste Königin ist wohl die "Schneekönigin" (Andersen), die in einem Palast aus Schnee und Eis lebt und die Welt im Schlitten bereist um ihr den Schnee zu bringen.

    In den orientalischen Märchen treten die Töchter und Ehefrauen von Sultan und Kalif auf, die den Prinzessinnen bzw. Königinnen entsprechen. "Aladin" zum Beispiel heiratet am Ende die Tochter des Sultans. Aber auch die Begriffe "Prinzessin" und "Königin" tauchen im orientalischen Märchen durchaus auf.

    Eine der bekanntesten orientalischen Königinnen ist Scheherezade aus der Rahmengeschichte der "Märchen aus Tausendundeiner Nacht". Der König wurde von seiner Frau betrogen und hat daraus ein Trauma entwickelt. Nun lässt er sich jeden Abend eine Jungfrau bringen, um sie am nächsten Morgen zu töten. Schließlich bietet sich Scheherezade, die Tochter des Wesirs, an, sich zum König bringen zu lassen. Sie erzählt ihm jeden Abend ein Märchen, und tatsächlich lässt er ihr am nächsten Tag das Leben, um weiter ihren Erzählungen lauschen zu können. Nach tausendundeiner Nacht ist nicht nur das Trauma besiegt: Scheherezade hat dem König tausendundein Märchen erzählt und drei Kinder zu Welt gebracht. Somit wird sie die neue Königin.

    Märchenauswahl

  • Tausendundeine Nacht: "Aladin", Rahmengeschichte, ...

  • Hans Christian Andersen: "Die Schneekönigin" aus "Sämtliche Märchen", Hörbuchfassungen bei Deutsche Grammophon

  • Jacob und Wilhelm Grimm: "Dornröschen", "Schneewittchen", "Rapunzel", ... aus "Kinder- und Hausmärchen", Hörbuchfassungen bei Deutsche Grammophon
















  • Dornröschen